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Christian Ide Hintze: nantzn. DVD. Asemantische performative Poesie.
72 Tracks. Laufzeit: 73 Minuten.
modena / [a:o]. ISBN 978-3-9502923-0-5. Wien 2010
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Wolfgang Paterno:
Sprachknabberer (pdf) (audio)

Literatur. Die österreichischen Avantgarde-Poeten Gerhard Rühm und Ernst Jandl erleben derzeit ein ungeahntes Comeback. Das Lyrik-Genre selbst steht indes vor tief greifenden Veränderungen.

Ein Mann steht im Wald. Sein Kopf ist von der Kapuze einer schwarzen Jacke bedeckt, in regelmäßigen Abständen lässt er den Oberkörper in Richtung eines dürren Baums fallen, er ergreift mit beiden Händen den Stamm. Er würgt das Holz förmlich, während er, leiernd und monoton, schier endlos, die Tonfolge "a bubu" ausstößt. Szenenwechsel. Derselbe Mann, nun in kurzen Hosen und T-Shirt, hat inmitten eines Bergpanoramas auf einem Felsvorsprung Stellung bezogen. "Jolo" schreit er ins Land. Wie ein sonderbares Spinnentier lässt er seine Arme schwingen. Bereits Anfang der neunziger Jahre brachte der Wiener Songschreiber und Spontanpoet Christian Ide Hintze den Inhalten und Formen der klassischen Poesie verschärftes Misstrauen entgegen – und verzog sich zum Dichten ins Gehölz. "Nantzn" taufte Hintze, heute 56, seine asemantischen, aus Sprechlauten, Gesten oder Bewegungen gebauten Gedichte; auf einer unlängst publizierten DVD sind seine poetischen, von Sinnlosgegrummel untermalten Körperverrenkungen aus den vergangenen 20 Jahren versammelt.

Vor knapp zwei Jahrzehnten gründete der Wortverdreher mit der Wollstrickhaube auch die Wiener Schule für Dichtung. Der zeitgenössischen Lyrik stellt Hintze, der sich von Berufs wegen für literarische Innovation zuständig fühlt, ein denkbar schlechtes Zeugnis aus. „Das Gedichtbändchen in der Ecke einer Buchhandlung, 20 Zuhörer bei einer Lesung, die dann als Massenpublikum zählen – das zeigt in etwa die Bedeutung der Lyrik heute“, analysiert er die Lage. Hintzes T-Shirt ist mit einem lustigen Hieroglyphen-Alphabet bedruckt, an einer der Wände der Dichterschule ist jene Kopfbedeckung unter Glas ausgestellt, die der Beatpoet Allen Ginsberg 1997 in seiner Todesstunde trug.

Poesie, so Hintze, sei Jahrtausende hindurch etwas Sinnliches, gesellschaftlich Zentrales gewesen. "Durch die technischen Möglichkeiten des Internets sind nun neue lyrische Formen und Verfahren möglich. Es findet tatsächlich eine Art Schleusenöffnung statt – neben der standardisierten Schriftsprache findet sich jenes Nichtstandardisierte, das für die Poesie seit den Zeiten der antiken griechischen Dichterin Sappho schon immer interessant war. Die Sprache wird von ihren Rändern her angeknabbert – siehe SMS und Twitter. Internetbeiträge werden in den Chatrooms im Dialekt und mithilfe von Smiley-Derivaten verfasst, so genannten Emoticons, Zeichen also, die für Ideen stehen und nach uralten poetischen Prinzipien geordnet sind. Im WWW tummeln sich Millionen von Sprachinnovatoren. Die Frage lautet: Wo scheinen diese User als neue Dichter auf?"

Der französische Avantgardist Henri Chopin bemerkte bereits in den fünfziger Jahren, mit der Erfindung von Tonband, Mikrofon und Lautsprecher sei das Ende der Schriftkultur angebrochen – die Zukunft werde aus intermedialen Interventionen bestehen. "Schriftkultur ist seit je dazu da, Kontrolle auszuüben", führt Hintze aus. "Geschriebene Sprache besitzt den Charakter eines Leitcodes, der seit Jahrhunderten ähnlich gehandhabt wird: Es gilt, was geschrieben steht. Gesetze, Verträge, Zertifikate werden aufgezeichnet, die Heilige Schrift ist Basis unserer Kultur. Morgen sind das vielleicht Heilige Langspielplatten, Heilige Videos, Heilige DVDs."

Avantgarde-Dichtkunst made in Austria steht derzeit offenbar hoch im Kurs. Das Wien Museum etwa präsentiert noch bis Mitte Februar 2011 seine „Ernst-Jandl-Show“. Das radikal genreübergreifende -Œuvre des vor zehn Jahren verstorbenen Schriftstellers wird dabei trotz seiner Historizität als wegweisend für die Gegenwartsliteratur, als altersloser Poesiekontinent präsentiert. Bereits in Jandls Frühwerk finden sich Sample-Techniken. Aus einem Gesamtzusammenhang werden dabei Wortschnipsel genommen und durch Wiederholung, Paraphrasierung, Abwandlung modular behandelt – allerdings nur auf dem Papier. Die Ideen und praktischen Möglichkeiten des erst im Digitalzeitalter realisierbaren Hypertexts sind bereits in Jandls Arbeiten aus den fünfziger Jahren als poetische Methode angelegt.
Das sprachexperimentelle Gesamtwerk des 1930 geborenen Wiener Literaten Gerhard Rühm, gemeinsam mit Friedrich Achleitner, H. C. Artmann, Konrad Bayer und Oswald Wiener Mitbegründer des losen Dichterkollektivs "Wiener Gruppe", das in den fünfziger und sechziger Jahren den hiesigen literarischen Provinzialismus bekämpfte, erscheint seit geraumer Zeit in einer kostspieligen, enzyklopädischen Klassikeredition. Für kommendes Jahr ist zudem ein neuer Band mit Prosaminiaturen von Friedrich Achleitner angekündigt.

Einst wurden die Poesiepioniere jedoch heftig angefeindet. Der Publizist Franz Schuh erinnert in einem Beitrag im Katalog der "Ernst-Jandl-Show" daran, wie reaktionär sich die heimische Kulturpolitik zur Blütezeit der Literaturexperimente verhielt. Im Gremium der Staatspreisträger hatte beispielsweise der Schriftsteller Rudolf Henz, in der Zwischenkriegszeit ein erklärter Austrofaschist, die Präsidentschaft inne. ORF-Programmdirektor für Literatur war Ernst Schönwiese, ein überzeugter Gegner experimentellen Schreibens. Bezeichnend war zudem, dass sich die kulturpolitischen Amtsinhaber mit den Autoren selbst nicht aus-einandersetzten. So deponierte Henz noch Anfang der siebziger Jahre im Unterrichtsministerium die verquere Forderung, Thomas Bernhard und Peter Handke mit Burgtheater-Aufführungsverboten zu belegen. 1958 hatten Wiener Buchhändler einen Boykott des Dialektbands "hosn, rosn, baa" beschlossen, einer Gemeinschaftsarbeit von Achleitner, Artmann und Rühm. Im Gegenzug formulierte Ernst Jandl zu Beginn der siebziger Jahre eine "kritische Revision der Bewertung der österreichischen Gegenwartsliteratur" – und erstellte eine schwarze Liste, auf der sich neben Reinhard Federmann, Milo Dor, György Sebestyen und Staatspreisträger Peter von Tramin auch Friedrich Torberg fand. Der angezettelte Konflikt führte 1973 auf Betreiben Jandls zur Gründung der Grazer Autorenversammlung als einer Gegenorganisation zum Österreichischen P.E.N.-Club. Noch 1978 glaubte die Klassenlehrerin einer Volksschule im gutbürgerlichen 18. Wiener Gemeindebezirk, den Text im Poesiealbum einer Schülerin korrigieren zu müssen. Die Erzieherin berichtigte mit Rotstift sämtliche Ls und Rs in Jandls berühmtem Poem „lichtung“: "manche meinen / lechts und rinks / kann man nicht velwechsern. / werch ein illtum!"

Christian Ide Hintze, von Ernst Jandl einst als "wackerer Musensohn" apostrophiert, will seinen Poesieputsch – vom Papier in Richtung Performanz – auch in Zukunft fortführen. "Schriftsteller in romanischen Ländern tun sich mit dem Begriff 'Revolution‘ leichter. Gegenwärtig findet eine solche statt", bemerkt er mit Blick auf den Ginsberg-Käppi-Schrein. Die Schrift habe, so Hintze, die Poesie amputiert und minimiert: "In seinen 'Seher‘-Briefen notierte Arthur Rimbaud sinngemäß: Es wird eine Sprache kommen, die alle Sinne anspricht. Man könnte Rimbaud also so interpretieren: Die Schrift reicht für jene Poesie, die ich mir vorstelle, nicht mehr aus. Was sich Rimbaud an poetischen Möglichkeiten erträumt hat, ist heute endlich realisierbar."

(Coverfoto "nantzn")
Modena
Info: www.acolono.com

(Wolfgang Paterno: profil, österreichisches Nachrichtenmagazin, Wien, 22. November 2010. Mitarbeit: Horst Christoph)